Nach einem schwierigen Winter entschied ich mich nach monatelangem Kränkeln, Rumdümpeln und Sinnsuchen für eine 180 Grad Wendung. War mir nicht sicher, was es braucht, um aus meinem Loch wieder rauszukommen, neue Kraft zu erlangen und wieder einen Sinn zu sehen, dem ich folgen kann. Aber weiter in meinem Elternhaus zu verweilen, zu pausieren und keine konkrete Aufgabe zu haben, langweilte mich und ließ mich auf der Stelle treten. Ich machte mich also meiner Werte bewusst, die ich in meinem Leben anstrebe und da wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich mich unter Menschen mischen möchte und auch muss, um zu überleben, die ähnliche Visionen vom Sein auf der Erde haben, mit ihr im Einklang leben wollen, gemeinsam Lust haben zu forschen, was es bedeutet zu lieben, in Frieden miteinander zu leben, Wunden anzuschauen und zu heilen. Ich hatte Lust auf Einfachheit, eine ganz bodenständige Tätigkeit, die mich in meinem Körper spüren lässt und eine direkte Wirksamkeit hervorbringt. So fügte sich ein Bild zusammen, welches vor allem zwei Aspekte in sich vereinigte:
Leben in Gemeinschaft & körperliche Arbeit im ökologischen Gemüseanbau
Über einen Freund hatte ich ein Jahr zuvor vom ZEGG erfahren und von seiner persönlichen Erfahrung gehört, wie es ist, ein Freiwilligenjahr dort zu machen.
Mein Bild von meinem Weg und der Möglichkeiten, die ich dort vorfinden würde, schienen sich in vielen Punkten zu überschneiden oder gar zu decken. Und so wurde mir innerhalb meiner Probearbeitswoche klar, dass ich hier bleiben möchte.
Seitdem ist nun knapp ein halbes Jahr vergangen. Wow! Ich kann es eigentlich kaum fassen, dass ich nun schon so lange hier bin und was seitdem alles passiert ist in mir.
Schon nach kurzer Zeit spürte ich, wie essentielle Bedürfnisse von mir nicht erfüllt waren in meiner vorherigen Lebenssituation. Menschen um mich zu haben, die mich sehen und spüren wollen, die mir ein natürliches Feedback für meine Existenz aussenden. Denn wie kann ich wissen wer ich alles bin, mich in neuen Facetten entdecken und entfalten, wenn ich keine offenherzigen Spiegel um mich herum habe?
Wie kann ich mich von der Menschheit geliebt fühlen, wenn ich Liebe nicht auch körperlich austausche und zum Ausdruck bringen kann? Wie kann ich mich mit der Natur verbunden fühlen, wenn ich in einer Großstadt voller Pflastersteine und Beton lebe und meine Nahrung ausschließlich über tägliches Konsumieren erhalte? Wie kann ich meinen Träumen näher kommen, wenn ich mich dafür nicht mit anderen Seelen verbinde, die dasselbe wollen und gemeinsam ein Stück des Weges gehe?
Es ist immer wieder ein Erfahren, wie abgeschnitten und getrennt wir als Menschen voneinander und der Natur leben, weil wir so konditioniert und aufgewachsen sind. Den Schmerz zu spüren, der dadurch entstanden ist und mich immer noch in Mustern handeln lässt und dennoch die Möglichkeit zu spüren, Altes abzulegen und mich für Neues zu öffnen und zu entscheiden. Und doch nichts erzwingen zu wollen, dem Wandel in mir und im Außen auch die Zeit zu geben, die es braucht. "Den Schmerz bis zu Ende fühlen", einer der Sätze, die ich hier gelernt habe. Um auf allen Ebenen organisch den Wandel zu verkörpern und nicht weil wir jetzt genau so sein und es haben wollen.
Mein Sein hier schult mich in allen Bereichen und Aspekten meiner physischen, emotionalen und spirituellen Existenz. Ein Balanceakt zwischen Spannung und Entspannung, Abgrenzung und Verschmelzung, Raum halten und Raum nehmen, irdischen Bedürfnissen und göttlicher Angebundenheit. Eine permanente, nie zur Ruhe kommende Reise zur Erforschung der Frage was es bedeutet Mensch auf dieser Erde zu sein.